10.09.2009

Gesichterlesen

Zeig mir dein Gesicht ... und ich sage Dir, wie du vermutlich bist

Die Körpersprache verrät uns viel über Menschen. Doch können wir auch aus solchen Körpermerkmalen wie der Form und Größe der Nase oder des Kinns Rückschlüsse auf die Persönlichkeit eines Menschen ziehen? Darüber gehen die Meinungen weit auseinander.

von Kurt-Georg Scheible

Ein Verkäufer besucht einen Neukunden. Die beiden Personen laufen aufeinander zu und blicken einander kurz an. Und schon sagt dem Vertriebler eine innere Stimme: Bei diesem Kunden kann ich mit sachlichen Argumenten punkten. In beiden Situationen wurde kein Wort gewechselt und trotzdem entstand bei den beteiligten Personen ein Bild vom Gegenüber.

Wie ist dies möglich? Wenn wir eine Person erstmals treffen, dann scannen unsere Augen sozusagen unser Gegenüber. Und binnen Sekundenbruchteilen entsteht in uns aufgrund solcher Faktoren wie Kleidung, Gang und Körperhaltung sowie Mimik und Gestik ein erstes Bild von der Person – und zwar automatisch. Denn unsere Nerven leiten unsere Sinneswahrnehmungen an unser Gehirn weiter. Dort werden sie vom sogenannten limbischen System anhand der in ihm gespeicherten Bilder und Erfahrungen eingeordnet und bewertet. Und erst danach werden sie als Information, verknüpft mit der entsprechenden Emotion, an unser Großhirn weitergeleitet und gelangen in unser Bewusstsein.

Dass diese mentalen Prozesse in uns ablaufen, dies zu wissen, ist wichtig. Sonst erliegen wir schnell der Illusion, wir würden uns unsere Meinung über andere Menschen völlig frei und rational bilden. Das Gegenteil ist der Fall! Wir treten allen Menschen, denen wir begegnen, mit einem Vor-Urteil gegenüber. Das ist nicht schlimm – solange wir uns dessen bewusst sind und bereit sind, unser Vor-Urteil gegebenenfalls zu korrigieren.

Streitfrage: Was verrät uns der menschliche Körper?
Einig sind sich die Experten darüber, dass uns die Körpersprache viel über eine Person verrät – und zwar nicht nur über deren aktuelles Befinden. Körperhaltung, Mimik und Gestik liefern uns auch erste Informationen darüber, wie unser Gegenüber tickt. Geht eine Person eher frohgemut durchs Leben oder empfindet sie dieses als Last? Steht sie gerne im Mittelpunkt oder bleibt sie lieber bescheiden im Hintergrund? Auch für solche Dinge liefert uns die Körpersprache Indizien – darüber sind sich die Experten einig.

Weit umstrittener ist: Kann man auch aus solchen Körpermerkmalen wie der Form und Größe der Stirn oder Nase Rückschlüsse auf die Persönlichkeit eines Menschen ziehen? Zudem ist dieses Thema stark emotional besetzt – vor allem aufgrund der deutschen Geschichte. Denn die Nationalsozialisten nutzten die Physiognomik, also die „Lehre“ darüber, welche persönlichen Eigenschaften sich aus den unveränderlichen physiologischen Merkmalen des menschlichen Körpers ableiten lassen, für ihre Rassenlehre. Sie ordneten den Körpermerkmalen bestimmte Charaktereigenschaften sowie Persönlichkeitsmerkmale zu und verknüpften diese mit einem Werturteil – mit den bekannten Folgen.

Entsprechend heikel ist es heute, über dieses Thema zu sprechen und zu schreiben. Trotzdem lohnt sich eine Beschäftigung mit ihm. Denn unabhängig davon, wie wir zur Physiognomik stehen, bleibt die Tatsache bestehen: Die Körpermerkmale lösen in uns Assoziationen aus. Das beweist bereits unsere Sprache. Wenn wir eine Person beschreiben, benutzen wir oft Begriffe wie „engstirnig“ und „schmallippig“. Oder wir attestieren einer Person, sie habe ein „energisches Kinn“ oder eine „Denkerstirn“. Und die Augen sowie das Gesicht gelten allgemein als „Spiegel(-bild) der Seele“.

Eine uralte (Pseudo-)Wissenschaft?
Das kommt nicht von ungefähr. Schon seit Jahrtausenden findet die These Anhänger, dass speziell das Gesicht eines Menschen uns viel über dessen Wesen verrät. In der traditionellen chinesischen Medizin werden drei Bereiche im Gesicht unterschieden: die Stirn, die mittlere Gesichtspartie, die von den Augen bis zur Nase reicht, und die untere Gesichtspartie, die unter anderem Mund, Kiefer und Kinn umfasst. Die Stirn galt als der Bereich, der den Geist sowie Intellekt widerspiegelt, und die mittlere Partie als der Bereich, der Auskunft über die Seele gibt.

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